Kommission: Berichte

Die Orthodoxe Kirche in Deutschland im Spiegel der Statistik
von Nikolaus Thon

Gerade ist die Neuauflage des von der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland als dem gemeinsamen Verband aller orthodoxen Diözesen dieses Landes betreuten und in ihrem Auftrag publizierten Verzeichnisses der orthodoxen Bistümer und Gemeinden in 2. Auflage mit den aktualisierten Daten für den Jahresbeginn 1999 erschienen*, in dem detailliert sämtliche Angaben zu allen kanonischen orthodoxen Bistümern in Deutschland, ihren einzelnen Gemeinden, Gottesdienststätten und Geistlichen sowie auch zu den zentralen Einrichtungen enthalten sind. Diese Neuauflage gibt Anlass zu einer statistischen Auswertung, aus der sich Erkenntnisse über den bemerkenswerten Aufbau der Orthodoxen Kirche in diesem Lande gewinnen lassen.

Gottesdienststätten

An insgesamt 282 Orten Deutschlands finden derzeit regelmäßig orthodoxe Gottesdienste statt, davon an ungefähr zwei Dritteln zumindest an jedem Sonntag und höheren Feiertag, während an den übrigen Orten zwei- oder auch nur einmal monatlich, an einigen wenigen auch in unregelmäßiger Folge Gottesdienst gehalten wird. Dort, wo dies nicht wöchentlich geschieht, ist in der Regel der Gottesdienst immer eine eucharistische Liturgie, während in den meisten Kirchen, in denen allsonntäglich die Liturgie gehalten wird, oft auch zumindest am Samstagabend Vespern bzw. Vigilien üblich sind.

Etwa die Hälfte der orthodoxen Gottesdienste wird noch in nicht-orthodoxen Kirchen bzw. Kapellen gehalten - die andere Hälfte aber schon in Gotteshäusern, die den jeweiligen orthodoxen Gemeinden gehören oder zumindest von ihnen dauerhaft benutzt werden und dementsprechend auch nach den Bedürfnissen des orthodoxen Gottesdienstes - in der Regel mit einer Ikonostase - ausgestattet sind. An einigen Orten nutzen auch kleinere orthodoxe Gemeinden die Kirchen der größeren mit, so die russischen Gemeinden das griechische Gotteshaus in Dortmund und Aachen oder die serbische und die rumänische Gemeinde das griechische in Siegen.

Deutlich zugenommen hat in den letzten Jahren die Zahl der Neubauten orthodoxer Kirchen: Während seit dem ersten Weltkrieg bis in die 80er Jahre unseres Jahrhunderts kaum noch repräsentative orthodoxe Gotteshäuser errichtet worden waren, gibt es in den letzten 15 Jahren eine ganze Reihe von bemerkenswerten Neubauten, und zwar vor allem in der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland, aber auch im Serbischen Bistum für Mitteleuropa.

Größer noch als die Zahl der völligen Neubauten ist die Umgestaltung von ehemals evangelischen oder römisch-katholischen Kirchbauten, die den jeweiligen orthodoxen Gemeinden zur dauernden Nutzung übergeben worden sind. Die vielleicht bemerkenswertesten Beispiele hierfür dürfte die jetzige griechische Allerheiligen-Kirche in München oder die griechische Apostel-Kirche in Dortmund sein.

Regionale Verteilung

In regionaler Hinsicht sind die Gottesdienststätten sehr unterschiedlich verteilt: Die meisten von ihnen befinden sich logischerweise in größeren Städten mit hoher Bevölkerungskonzentration. Weiter hat immer noch einen gewichtigen Einfluss, wo sich die großen Industriezentren Deutschlands befinden, wohin also der Strom der so genannten "Gastarbeiter" in den 60er und 70er Jahren gelenkt worden ist.

Dies erklärt auch die deutlichen Unterschiede, die es zwischen den einzelnen Bundesländern gibt: Der eindeutige Schwerpunkt orthodoxer Gemeinden liegt in Nordrhein-Westfalen, das 86 Gottesdienststätten aufweist, gefolgt von Baden-Württemberg mit 69 und - mit deutlichem Abstand - Bayern mit 48. Erst erneut mit einem markanten Abstand folgen dann Niedersachsen mit 22, Hessen mit 18 und Rheinland-Pfalz mit 10 Gottesdienststätten. Auch in diesen Ländern ist die Konzentration auf die Städte markant: So gibt es allein 13 Gemeinden in München (also mehr als ein Viertel aller Gottesdienststätten in Bayern), das übrigens die Stadt mit den meisten orthodoxen Gemeinden Deutschlands ist, gefolgt von Stuttgart mit 9 und Düsseldorf mit 7 Gemeinden. Diese Konzentration in den großen Ballungsräumen erklärt auch die hohe Gemeindekonzentatrion in den Stadtstaaten Berlin (8) und Hamburg (7). Alle übrigen Bundesländer weisen kaum orthodoxe Gottesdienststätten auf: Sachsen-Anhalt 3, Brandenburg, Bremen, Sachsen und Schlesweig-Holstein je 2 und Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland und Thüringen je eine.

Verteilung auf die Diözesen

Die eindeutig ihren Pfarreien nach stärkste und am flächendeckendsten organisierte orthodoxe Diözese in Deutschland ist die Griechisch-Orthodoxe Metropolie, zu der über die Hälfte aller Gemeinden bzw. Gottesdienststätten gehören, nämlich 157, und zwar 147 griechische, 9 rumänische und - in München - eine deutschsprachige Gemeinde.

Erst mit gewaltigem Abstand folgen die drei nächststärksten Diözesen, nämlich die Berliner Diözese des Moskauer Patriarchats, die 34 Gemeinden und Gottesdienststätten umfasst, und die Serbisch-Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa, zu der auf dem Territorium der Bundesrepublik ebenfalls 34 Gottesdienststätten gehören, sowie die Rumänisch-Orthodoxe Metropolie von Zentraleuropa, die inzwischen aus 24 Gemeinden besteht.

Die der Zahl der Gottesdienstorte nach kleineren orthodoxen Bistümer in Deutschland sind dann die zum Ökumenischen Patriarchat gehörige Ukrainische Orthodoxe Eparchie von Westeuropa, die in der Bundesrepublik an 15 Orten Gottesdienst feiert, allerdings wegen der nur geringen Geistlichenzahl zu einem großen Teil nur noch unregelmäßig, das Patriarchalvikariat der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien für Westeuropa, das 11 Gottesdienststätten betreut, und die Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa, zu der in Deutschland 5 Gottesdienststätten gehören. Jeweils nur mit einer einzigen Gemeinde in Deutschland vertreten sind die Polnische Autokephale Orthodoxe Kirche (in Hamburg) und das in Paris ansässige und ebenfalls zum Ökumenischen Patriarchat gehörige Erzbistum der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa, dem die deutschsprachige Gemeinde "Zu den hll. Erzengeln" in Düsseldorf angehört.

In den alten Bundesländern sind die Gemeinden der einzelnen Bistümer in etwa gleichmäßig verteilt, d.h. in den größeren Siedlungsschwerpunkten finden sich fast immer - wenn auch in unterschiedlicher Zahl - Gottesdienststätten aller Bistümer, in den mehr ländlichen Regionen allerdings zumeist nur solche der Griechisch-Orthodoxen Metropolie. In den neuen Bundesländern hingegen liegt ein eindeutiges Schwergewicht der Gemeinden des Moskauer Patriarchates, das hier ungefähr ein Drittel all seiner Pfarreien hat: Von 18 Gemeinden in den sechs neuen Ländern (einschließlich Gesamt-Berlin!) gehören 10 zur Russischen Orthodoxen Kirche (ohne Berlin sind es sogar 7 von 10).

Bischöfe

Geleitet werden die orthodoxen Gemeinden in Deutschland von 14 Bischöfen, darunter 7 Diözesan- und 6 Vikarbischöfen sowie einem Bischof, der nur für eine stauropegiale Gemeinde in München zuständig ist (nämlich der russische Metropolit von Wien).

An erster Stelle ist auch hier die Griechische Metropolie zu nennen, die neben dem Metropoliten vier Vikarbischöfe hat. Die Bulgarische Diözese hat neuerdings einen - allerdings in Wien - residierenden Vikarbischof, während ein Vikarbischof des Moskauer Patriarchen als Leiter der Ständigen Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschlang (mit Sitz in Düsseldorf) eigenständige Aufgaben wie die Kontakte zu Regierungsstellen und auf ökumenischer Ebene wahrnimmt.

Zwei für ihre jeweiligen Bistümer in Westeuropa und damit auch für die diesen angehörigen Pfarreien in Deutschland zuständige Diözesanbischöfe haben ihre ständige Residenz im Ausland, und zwar beide in Paris, nämlich Bischof Gabriel von Palmyra, der die Gemeinden des Patriarchats Antiochien leitet, und Erzbischof Sergij von Evkarpia, dem die deutschsprachige Gemeinde in Düsseldorf untersteht. Direkt dem Metropoliten von Warschau unterstellt ist die erwähnte Gemeinde der Polnischen Kirche in Deutschland.

Priester und Diakone

Neben der Zahl der Gottesdienststätten ist jene der Pfarrgeistlichen von entscheidender Bedeutung zur Einschätzung des gemeindlichen Lebens, denn wenn nur wenige Geistliche zur Verfügung stehen, ist trotz vorhandener Kirchen und Kapellen bzw. Zelebrationsmöglichkeiten natürlich nur ein eingeschränktes pfarrliches Leben möglich. Dies gilt etwa für die Ukrainische Eparchie, die zwar 15 Gottesdienststätten hat, aber nur 5 Priester (und keinen Diakon), sodass an einigen Orten nur recht selten Gottesdienst gehalten werden kann, zumal die Stätten auch noch teils räumlich weit voneinander entfernt liegen.

Insgesamt gibt es derzeit in Deutschland 160 orthodoxe Priester aller Bistümer zusammen. Die größte Gruppe von ihnen, nämlich 40 %, gehört zur Griechisch-Orthodoxe Metropolie: 60 Priester und 5 Diakone betreuen die griechischen Gemeinden, 4 Priester (kein Diakon) die rumänischen. Trotz dieser großen Zahl heißt das allerdings, dass statistisch gesehen durchschnittlich auf jeden griechischen Priester zweieinhalb Gottesdienststätten entfallen; da etliche von ihnen, nämlich die Großstadtpfarrer, in der Regel nur in einem eigenen Gotteshaus zelebrieren, bedeutet das in der Praxis allerdings, dass einige der Pfarrer in ländlichen Gebieten an sechs oder sieben, in einem Fall sogar an neun verschiedenen Orten Gottesdienst halten müssen, teils zweimal oder sogar dreimal an einem Sonntag in verschiedenen Städten. Ähnliches gilt für die 4 Priester im rumänischen Dekanat der Griechischen Metropolie mit den von ihnen betreuten 9 Gemeinden.

Die Serben stellen mit 31 Priestern und drei Diakonen die zweitstärkste Gruppe, so dass die 34 serbischen Gottesdienststätten fast sämtlich von einem, teils sogar von zwei ständigen Priestern betreut werden. An dritter Stelle der Zahl der Geistlichen nach folgt die Russische Orthodoxe Kirche: Hier sind es 27 Priester und 10 Diakone für die 34 Gottesdienststätten.

Die Rumänische Metropolie hat für ihre 24 Gottesdienststätten 20 Priester und einen Diakon, das Antiochenische Vikariat für 15 Gottesdienststätten jedoch auch nur 7 Priester (keinen Diakon). Noch im Aufbau begriffen ist offensichtlich die Gemeindestruktur der Bulgarischen Diözese, die 4 Priester und 6 Diakone umfasst, denn hier sind einige Geistliche offiziell als Seelsorger für die in bestimmten Großregionen lebenden Bulgaren ausgewiesen, d.h. sie feiern offensichtlich an nach Bedarf wechselnden Orten Gottesdienste, haben dort aber noch keine festen Gottesdienststätten errichtet. Die Gemeinde des Erzbistums von Westeuropa und jene der Polnischen Kirche sind mit je einem Priester (keinem Diakon) versorgt.


Ständige Informationen zur Tätigkeit der Kommission finden Sie im Informationsdienst Orthodoxie aktuell.


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