Kommission: Berichte

Ein Visionär der Orthodoxie - Professor Anastasios Kallis zum 65. Geburtstag
von Nikolaus Thon

Wenn auf einen Vertreter der Orthodoxie in diesem Land die Bezeichnung des "Visionärs" zutrifft, dann sicher auf den Mann, der am 14. August 1999 sein 65. Lebensjahr vollendete, nämlich den Vorsitzenden der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland und bisherigen Leiter des Lehr- und Forschungsgebietes Orthodoxe Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, Prof. Dr. phil., Dr. theol. Anastasios Kallis.

Geboren 1934 in Naoussa in Griechenland als Sohn des Nikolaos Kallis und seiner Frau Evangelia, geb. Gadinis, empfing Anastasios Kallis in seinem Elternhaus eine religiöse Erziehung und wurde, besonders durch seine Urgroßmutter, auch mit traditionellen Formen griechischer Volksfrömmigkeit vertraut. Nach dem Abitur studierte er Theologie, Philologie, Pädagogik und Geschichte an der Universität Thessaloniki, wo er 1956 sein Examen als Diplomtheologe ablegte. Nach Militärdienst mit Absolvierung der Offiziers-akademie und kurzer Tätigkeit in Griechenland als Lehrer und Diözesanprediger kam er nach Deutschland, und zwar in die westfälische Universitätsstadt Münster, der er Zeit seines Lebens treu blieb. Hier promovierte Kallis 1964 in Philosophie mit dem Thema "Der menschliche Wille in seinem Grund und Ausdruck nach der Lehre des Johannes Damaskenos" und 1974 in Theologie zum Thema "Der Mensch im Kosmos - Das Weltbild Nemesios' von Emesa". Hier ehelichte er 1965 Ursula Holschbach, die ihm nicht nur im familiären Leben, sondern auch bei seiner sonstigen Tätigkeit zu einer echten Weggefährtin geworden ist; sie haben zwei Kinder, Ines und Klaus Tasso.

Von 1965 bis 1979 war Anastasios Kallis als Assistent von Prof.Dr. Jan Remmers am Katholischen Ökumenischen Institut der Universität Münster tätig, 1979 wurde er dann dort der erste Inhaber eines eigenen Lehrstuhls für orthodoxe Theologie - nicht nur in Münster, sondern in ganz Deutschland. Auch wenn leider die damals von Vielen gehegte Hoffnung, der Lehrstuhl, der den versprechenden Namen eines "Lehr- und Forschungsgebietes Orthodoxe Theologie" erhielt, werde in absehbarer Zeit zu einem eigenen Institut oder zumindest zu einer institutsähnlichen universitären Einrichtung ausgebaut, bis heute trotz aller diesbezüglichen Bemühungen auch von Kallis selbst nicht in Erfüllung gegangen ist, so bedeutete die Errichtung des Lehrstuhls doch, dass erstmals in der Geschichte der deutschen Hochschulen nicht nur von Nichtorthodoxen über die Orthodoxie geredet wurde, sondern diese sich selbst authentisch darstellen konnte.

Von dieser Möglichkeit machte Kallis aktiv und - wo nötig - auch kämpferisch Gebrauch, und zwar keineswegs nur im Elfenbeinturm der Universität selbst. Er ist seit langen Jahren ein immer wieder gern geladener Vortragender bei vielen Veranstaltungen, Seminaren und Gesprächsabenden. Die lange Liste seiner Veröffentlichungen zeugt von dem großen Engagement des Münsteraners, der sich nicht nur - nicht einmal vordringlich - zu fach-theologischen Fragen publizistisch geäußert hat, sondern immer wieder auch zu aktuellen Problemen der kirchlichen Gegenwart heute - und dies nicht nur in theologischen Fachzeitschriften, sondern in sehr unterschiedlichen Presseorganen, denn Kallis war sich im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen im Professorenstand nie zu schade, auch in einfachen Kirchenzeitschriften zu publizieren, wenn er darum gefragt wurde. Und das geschah und geschieht nicht selten, denn er versteht es, nicht nur sachkundig, sondern auch anschaulich, ja spannend zu schreiben. Seine Sichtweise der heutigen orthodoxen Theologie und Kirche legte Kallis in dem erstmals 1979 in Mainz erschienenen Buch "Orthodoxie - Was ist das?" dar, das inzwischen den Charakter eines Handbuches gewonnen hat und in 6. aktualisierter Auflage (jetzt in Münster) erschienen ist. Von seinen weiteren Veröffentlichungen sollten wenigstens einige genannt werden, so die "Geschichte der Ostkirche vom Bilderstreit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts" in der von R. Kottje und B. Moeller edierten "Ökumenischen Kirchengeschichte", das Stichwort "Orthodoxe Kirche" in der Theologischen Realenzyklopädie (Bd. 18, 1989) und das "Orthodoxe Katholische Kirchen" in der Neuausgabe des Evangelischen Kirchenlexikons, wo Kallis aus Mitherausgeber für die Stichworte aus dem Bereich der Orthodoxie zuständig war. Unter seinen weiteren Publikationen ragen neben mehreren von ihm redigierten und edierten Festschriften (so 1980 für seinen Lehrer Prof.Dr. Bernhard Kötting, 1992 aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und 1998 zu Ehren des 60. Geburtstages von Metropolit Augoustinos) die von Kallis (teils zusammen mit seiner Frau) erstellten und theologisch kommentierten bzw. eingeleiteten Übersetzungen liturgischer Texte hervor, so 1989 der Göttlichen Liturgie, 1991 des Vespergottesdienstes und inzwischen auch des Hymnos Akathistos und der Taufe. Derzeit in Vorbereitung sind zwei Werke, die beide noch in diesem Jahr im Theophano-Verlag in Münster erscheinen sollen, nämlich "Brennender, nicht verbrennender Dornbusch - Reflexionen orthodoxer Theologie" und "Das hätte ich gern gewusst: 100 Fragen an einen orthodoxen Theologen". Auch das Entstehen des monatlichen Informationsdienstes "Orthodoxie aktuell" ist wesentlich Kallis zu verdanken, der sich wiederholt engagiert in ihm zu aktuellen Fragen äußerte, so etwa mit seiner Kritik der interorthodoxen Thessaloniki-Erklärung von 1998.

Seit Jahren wirkte Kallis, der von 1993 bis 1999 auch eine Gastprofessur für Ökumenische Theologie an der Christkatholischen Theologischen Fakultät in Bern innehatte, in zahlreichen panorthodoxen und ökumenischen Kommissionen und theologischen Ausschüssen auf nationaler und internationaler Ebene mit, so als Delegierter der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher KIrchen auf Bundesebene, im Deutschen Ökumenischen Studienausschuss, in der Gemeinsamen Kommission der Griechisch-Orthodoxen Metropolie und der Römisch-Katholischen Kirche in Deutschland. Auch hier wurden und werden seine stets engagierten Meinungsäußerungen geschätzt; wenngleich er sich mit ihnen nicht nur Freunde gemacht hat, hat er durch ihre theologische Qualität und Fundiertheit stets bewiesen, dass orthodoxe Theologie keineswegs nur retrospektive Wiederholung der Aussagen der Väter ist, sondern von ihnen ausgehend und weiterdenkend auch in der Gegenwart eine gewichtige Stimme darstellt. In einer Ökumene, die hierzulande schon durch die sozio-religiöse Struktur weitgehend katholisch-evangelisch geprägt ist, hat die besondere Sensibilität für die Eigenständigkeit der orthodoxen Denkweise und Theologie, die Kallis immer ebenso gezeigt hat wie die Fähigkeit, ihr Gehör zu verschaffen, eine umso größere Bedeutung, als nicht selten parallel zu der genannten Prägung der Ökumene in Deutschland auch die kulturelle Größe Europa vereinfachend mit Westeuropa gleichgesetzt wird. Dem ist Kallis entschieden entgegengetreten, wenn er etwa kritisch anmerkte: "Wenn alljährlich die Stadt Aachen für besondere Verdienste um die europäische Einigung den Karlspreis verleiht und dem Preisträger eine Medaille mit dem Bild Karls des Großen überreicht, muss ich daran denken, dass hier unbewusst ein typisch westlicher Europagedanke gepflegt wird, der eine Verengung des Europabegriffs bedeutet. Der mit Karl dem Großen aufkeimende Europagedanke schließt Byzanz aus, das tief in den europäischen Kontinent ragte".

Das wohl bedeutendste Verdienst von Kallis ist die wesentlich auf seine Initiative und seinen Einsatz zurückgehende Gründung der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland (KOKiD) als des Verbandes aller orthodoxen Bistümer des Landes, die 1994 erfolgte und eine zunehmend wachsende Zusammenarbeit aller Orthodoxen in Bereichen der Liturgie, Pastoral, religiösen Erziehung, kirchlichen Publizistik usw. bedeutet. Seit der Gründung steht Kallis der KOKiD auch als ihr 1. Vorsitzender vor und hat wesentlich die Tätigkeit der Kommission und darüber hinaus die gesamtorthodoxe Wirklichkeit in Deutschland inspiriert und geprägt - und zwar in jener Ausrichtung, die er selbst einmal visionär als "westliche Orthodoxie östlicher Identität" formuliert hat, also als eine Kirche, die sich ihrer östlichen Wurzeln nicht schämt, diese nicht verleugnet, sondern bejaht, zugleich aber in diesem Lande Fleisch angenommen hat und in der deutschen Gesellschaft zu einem integrierten und immer wesentlicheren Bestandteil geworden ist. Die Rolle, die die Orthodoxe Kirche in Deutschland zu übernehmen hat, ist nicht die eines Mitläufers im Konzept der innerdeutschen Ökumene, sondern die eines Mitgestalters der deutschen Gegenwart, indem sie durch die Pflege, Intensivierung und Vorstellung ihrer liturgisch geprägten Spiritualität und Theologie den ökumenischen und gesellschaftlichen Bemühungen in diesem Land neue Anstöße zu geben und neue Perspektiven zu eröffnen vermag. Die Aktivitäten von Kallis als Vorsitzendem der KOKiD tragen entschieden zur Konkretisierung und Verwirklichung dieser Zielvorstellung bei, wobei er als einer derjenigen gesehen werden darf, die die Einheit der Orthodoxie bei gleichzeitiger Würdigung ihrer Vielgestaltigkeit aktiv fördern. Nicht zuletzt durch seinen oft bis an die Grenzen der Belastbarkeit realisierten Einsatz ist aus dem Nebeneinander der orthodoxen Bistümer in diesem Land ein Miteinander geworden. Dieser schwierigen Aufgabe hat Kallis sich mit eben diesem großen persönlichen Einsatz, mit Einfühlungsvermögen und Geduld gewidmet und so das Vertrauen aller gewonnen. Seine Initiativen auf gesamtorthodoxer Ebene erwuchsen für ihn aus seiner Sichtweise der Kirche, waren und sind eine konsequente Umsetzung der Grundprinzipien orthodoxer Ekklesiologie. So belegen sie zugleich, dass Theologie und kirchliche Wirklichkeit eine organische Einheit bilden. Wesentlich geprägt durch die Mitwirkung von Professor Kallis sind auch die Lehrpläne für den orthodoxen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen und inzwischen auch in anderen Bundesländern wie etwa Bayern. Mit der Einführung des orthodoxen Religionsunterrichtes als ordentlichem Lehrfach (zuerst in Nordrhein-Westfalen 1985) wurde ja ein neues religions-pädagogisches Konzept erforderlich, das es bislang in der gesamten orthodoxen Welt nicht gab und dessen Erarbeitung eine eminent wichtige Aufgabe und Herausforderung der orthodoxen Theologie und Kirche bedeutete. Es galt, die gängige Vorstellung und Praxis orthodoxer religiöser Unterweisung auf eine vollkommen neue pädagogische Basis zu stellen. Dass dies so überzeugend gelang, dass inzwischen auch der Freistaat Bayern wesentliche Teile der nordrhein-westfälischen Lehrpläne übernahm und im übrigen die stete Kooperation mit Professor Kallis suchte, belegt, wie gut dies gelungen ist - und welchen Anteil daran Kallis hat.

Ein langjähriger Mitarbeiter von Professor Kallis, Dr. Christoph Papakonstantinou, hat den Jubilar jüngst charakterisiert als einen "Visionär, nicht vom grünen Tisch der Wissenschaft oder Kirchenpolitik, sondern aus der Mitte der lebendigen Kirche. In dieser Vision wirkt die Orthodoxie aktiv, schöpferisch und inspirierend auf den kulturellen, gesellschaflichen, ökumenischen Bereich ihrer unmittelbaren Umgebung ein, indem sie aus ihrer geistig-geistlichen Tradition heraus neue und differenzierte Sichtweisen der Anliegen, Probleme und Herausforderungen einer modernen Gesellschaft aufzeigt und diese zur Disposition und Diskussion stellt". Dem ist eigentlich nur Eines hinzuzufügen: Möge der Orthodoxen Kirche in Deutschland noch lange ein Mann wie Kallis erhalten bleiben, der ihr auch als Emeritierter ein vielleicht manchmal und Manchen unbequemer, wenn nötig streitbarer, aber notwendiger Mahner und Visionär ist: Auf viele Jahre!


Ständige Informationen zur Tätigkeit der Kommission finden Sie im Informationsdienst Orthodoxie aktuell.


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