Kommission: Berichte

Auf dem Weg zum Ökumenischen Kirchentag / Berlin 2003

Im Gespräch mit E. Martha Rutzen  

Frau Rutzen, Sie sind die Vertreterin der Orthodoxen Kirche in Deutschland im Gemeinsamen Präsidium zur Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentages, der 2003 in  Berlin stattfinden soll ...

Entschuldigung, hier muss ich unterbrechen und eine Klärung vornehmen: Ich bin nicht voll stimmberechtigtes Mitglied im Gemeinsamen Präsidium, sondern dieses hat über die ACK, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, deren sogenannte "kleinere" Mitgliedskirchen eingeladen, fünf Vertreter zu entsenden, die aber nur eine beratende Stimme haben. Und über die ACK wurden dann die einzelnen dieser "kleinen" Kirchen, also auch die Orthodoxe Kirche in Deutschland, aufgefordert, je einen Vertreter bzw. eine Vertreterin zu benennen; und von der Kommission der Orthodoxen Kirche als dem Diözesanverband bin ich dann ernannt worden.

Wird die Unterscheidung zwischen Vollmitgliedern des Präsidiums und den beratenden Mitgliedern denn in der Praxis auch deutlich ?

Hier muss man natürlich die Entwicklung abwarten, aber dass man auch von Seiten der Verantwortlichen eine klare Unterscheidung macht, wurde auch deutlich, als am 6. Oktober vorigen Jahres die Generalsekretäre des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT) und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), also des Ausrichters der Katholikentage, zur ersten Sitzung des Gemeinsamen Präsidiums zur Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentages luden. Zur Einladung an mich gab es nämlich folgende, recht deutliche Erklärung: "....die mit beratender Stimme an den Sitzungen des gemeinsamen Präsidiums des Ökumenischen Kirchentages teilnehmen sollten, um auf diesem Wege die Anliegen der kleineren christlichen Kirchen in den Vorbereitungsprozess einzubringen". Wir "Kleinen", und dazu zählt trotz ihrer über einer Million Gläubigen in Deutschland in der Sicht des Gemeinsamen Präsidiums auch die Orthodoxe Kirche ebenso wie die Altkatholiken, die orientalisch-orthodoxen Kirchen, die Methodisten und die Baptisten, die ebenfalls je eine beratende Vertreterin entsandten, sind also nicht beim eigentlichen Entscheidungsprozess dabei.

Sie haben an der genannten Sitzung teilgenommen; wie waren Ihre Eindrücke und Erfahrungen ?

Die Aufnahme im Präsidium bei dieser ersten Sitzung war durchaus freundlich. Dennoch gab es bereits nach kurzer Zeit Irritationen, auch Missverständnisse. Zeitweise fragte ich mich, was meine Anwesenheit dort eigentlich sollte. Tatsache ist, dass beide Träger - DEKT und ZdK - miteinander  z.T. elementare Probleme haben, um deren Lösung sie ringen und bemüht sind. Also war zunächst Zurückhaltung geboten. Vor allem mit dem Kompromiss des "Kontakt halten mit den anderen ACK-Kirchen" in Bezug auf Gottesdienstformen konnte ich mich zufrieden geben.

Allerdings zeigte sich genau dies als ein Trugschluss: Die bereits seit einiger Zeit arbeitende Kommission "Ökumenische Feierformen" forderte uns nämlich kurz darauf auf, "bisher bewährte Formulare ökumenischer Gottesdienste, Erfahrungen  usw." in schriftlicher Form vorzulegen. Das habe ich abgelehnt mit dem Hinweis, dass solche Formulare bei uns nicht existieren und ich es auch nicht für richtig und gangbar halte, hierüber in dieser Form zu beraten, sondern dass dies zuerst innerhalb unserer Kirche selbst geschehen müsste - und natürlich in der Verantwortung der Bischöfe. Die Vertreterinnen der anderen Kirchen haben übrigens ähnlich reagiert.

Wie soll es in Bezug auf die Gottesdienstformen beim Ökumenischen Kirchentag jetzt weitergehen ?

Zunächst sind wir zur nächsten Sitzung der Kommission "Ökumenische Feierformen" jetzt bald im September eingeladen. Wenn ich die Aufgabenstellung richtig interpretiere, ist es so, dass die Kommission zunächst eine Bestandsaufnahme durchzuführen hat, eine Bewertung dahingehend vorzunehmen, was "theologisch möglich, aber liturgisch noch nicht ausgeschöpft ist". Weiterhin gehört zur Aufgabe der Kommission, "Vorschläge für einen Ökumenischen Gottesdienst ohne Abendmahl am Sonntag...." zu machen. Das gemeinsame Grundlagenpapier von DEKT und ZdK sagt dazu: "...Der Ökumenische Kirchentag soll exemplarisch und vorbildlich zu einem Ort werden, an dem neue Formen entwickelt, diskutiert und praktiziert werden können...". Im Moment erkenne ich allerdings in diesen Sätzen nur die Reduzierung von Gottesdienst auf neue Formen.

Verstehen wir Sie richtig, dass die Rolle der Orthodoxen Kirche und ihrer Vertreterin bei der Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentages nicht ganz unproblematisch ist und Orthodoxe wohl etwas Mühe haben dürften, sich hier wiederzufinden ?

In der Tat: Wenn ich zurückgehe auf die Einladung, in der es heißt, dass ich die "Anliegen meiner Kirche einbringen soll", sehe ich mich hier nicht wieder. Ich persönlich kann damit leben - aber wo bleiben unsere 1,2 Millionen orthodoxer Christen in Deutschland? Wenn wir sie von Seiten der Kommission der Orthodoxen Kirche oder auch der Diözesanleitungen auffordern, der Einladung zum Ökumenischen Kirchentag zu folgen, werden sie zumindest sehr Vieles, was dort geschieht, nicht verstehen, sich abwenden und in Zukunft um alles Nicht-Orthodoxe einen großen Bogen machen. Ich denke, das können wir auch nicht verantworten, zumal die beiden großen Kirchen nach wie vor die unterschiedlichsten Zuwendungen an uns machen und wir somit von ihnen auch in materieller Hinsicht profitieren! Und außerdem ist Ökumene gewiss nicht so zu verstehen, dass ein Bischof oder Priester bei Gottesdiensten die Szene durch seine Anwesenheit dekorativ verschönt und bereichert und damit eine Art Alibi darstellt. Es bleibt die Frage, was zu tun ist, was getan werden kann, damit auch orthodoxe Christen sich bei dem geplanten Ökumenischen Kirchentag zu Hause, zumindest aber nicht verloren fühlen können.

Sicher haben  Sie dazu auch konkrete Vorschläge ?

Durchaus: Mein Vorschlag ist, bei den gemeinsamen Gottesdiensten aktiv nicht mitzumachen, dafür in einer der Berliner Kirchen zentral täglich orthodoxe Gottesdienste (Liturgie und Vesper) anzubieten - möglichst zu einem großen Teil in deutscher Sprache.

Also nur ein Angebot orthodoxer Gottesdienste in einer eigenen Kirche ?

Dies wäre ein Kernpunkt unseres Engagement beim Ökumenischen Kirchentag, aber ganz sicher sollten wir uns darüber hinaus auf einer größeren Aktionsfläche auf dem Kirchentagsgelände - eventuell zusammen mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen - selbst vorstellen. Denkbar waren dabei etwa ein "Ort der Stille", an dem z.B. unsere Stundengebete gelesen werden, Darbietungen orthodoxer Kirchenmusik der verschiedenen Traditionen, eine Vorstellung der Frömmigkeit im Alltag, die Präsentation einer orthodoxen Kirche im Modell, Gesprächsrunden zu diversen Themen u.a.m. All dies sind natürlich nur erste Ideen, die vor allem mit den orthodoxen Gemeinden vor Ort weiter entwickelt werden müssen. Ich bin aber sicher, dass auf diese Weise unser Anliegen wesentlich besser eingebracht ist als innerhalb von sogenannten "ökumenischen Gottesdiensten", bei denen dann auch  "etwas Schönes aus der orthodoxen Liturgie" als Versatzstück eingebaut ist; niemand versteht diese Stelle.

Sie sprachen von der Einbeziehung der orthodoxen Ortsgemeinden, also der Gemeinden Berlins, in den Vorbereitungsprozess ...

Natürlich! Dies ist von elementarer Bedeutung, denn Voraussetzung für alle unsere Aktivitäten ist, dass alle Mitgliedskirchen der Kommission diese Sache mittragen, hinter dem Konzept stehen und ihre Gemeinden zur Mitarbeit bewegen. Sonst schweben wir in der Luft ...

Gibt es Erfahrungen von bisherigen vergleichbaren Veranstaltungen ?

Durchaus, wenn vielleicht auch nicht in diesem Ausmaß. Wir haben die Präsentation der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland  auf dem 29. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Frankfurt in diesem Jahr vorbereitet und durchgeführt. Hierfür haben wir im Vorfeld für eine Fläche von 12 m2   konkrete Arbeitszeit von ca. 200 Stunden aufgewandt,  ohne die Vorüberlegungen zu berücksichtigen, die Zeit beim Kirchentag selbst und die Nachfolgearbeiten. Geleistet wurde dabei die kontinuierliche Arbeit im wesentlichen von nur drei Personen, wenn  auch zeitweilig noch einige Helfer dazu kamen. Das war ein Marathon! Der Schluss daraus ist: Entschieden mehr aktive und verantwortungsvolle Mitarbeiter sind erforderlich! Besonders, wenn wir uns in Berlin in einer zumindest gleich großen Weise, eher aber noch besser zeigen wollen. Ich denke: Das kann eine große Herausforderung z.B. an den Orthodoxen Jugendbund sein!

Wie würden Sie also die Grundsätze für unsere orthodoxe Beteiligung am Ökumenischen Kirchentag 2003 charakterisieren wollen ?

Ich denke, bei allen Überlegungen müssen wir versuchen, verschiedenen Seiten gerecht zu werden: Zum einen dürfen wir keine falsche Vorstellung bei den ökumenischen Partnern erwecken, sodann müssen wir berücksichtigen, dass der Großteil der evangelischen wie katholischen Kirchentagsbesucher die Orthodoxe Kirche meistens nicht sehr gut kennt, und drittens gilt es auch die Vorstellung unserer eigenen Kirchenmitglieder vom Gottesdienst in Betracht zu ziehen.

Könnten Sie uns abschließend noch etwas zu Ihrer Person sagen ?

Ich gehöre zur Gemeinde Mariä-Obhut bei der Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Düsseldorf, wo ich früher auch jahrelang den Chor geleitet habe. Seit 1997 bin ich in der Geschäftsführung des Informationsdienstes "Orthodoxie aktuell" bzw. der Gesellschaft Orthodoxe Medien tätig und wirke auch im Referat "Information und Medien" der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland mit, vor allem bei Präsentationen unserer Kirche wie etwa auf dem Frankfurter Kirchentag.

Vielen Dank für das Gespräch !


Ständige Informationen zur Tätigkeit der Kommission finden Sie im Informationsdienst Orthodoxie aktuell.


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