Auf Antrag der beiden
theologischen Fakultäten und der Ausbildungseinrichtung Orthodoxe Theologie
an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und auf Beschluss des Rektorats
wurde an der Universität München ein Zentrum für Ökumenische Forschung eingerichtet.
Es stellte sich am Montag,
dem 29. Oktober 2001, der Öffentlichkeit vor. Gründungsvorstände sind die Professoren
Peter Neuner (kath.), Theodor Nikolaou (orth.) und Gunther Wenz (ev.luth.).
Mit dieser Gründung findet eine langjährige und fruchtbare ökumenische Zusammenarbeit
ihren institutionellen Rahmen. Seit über dreißig Jahren, also seit der Gründung
der beiden ökumenischen Institute an der katholisch-theologischen und der evangelisch-theologischen
Fakultät der Universität München, ist es selbstverständliche Praxis, dass die
beiden Institute gemeinsame Lehrveranstaltungen durchführen. Die Professoren
Heinrich Fries (kath.) und Wolfhart Pannenberg (evang.) haben als die Gründungsväter
in den 60er Jahren diese Tradition eröffnet. In diesen gemeinsamen Seminarveranstaltungen
wurde Pionierarbeit geleistet. Es wurden ökumenisch brisante Texte erstellt,
manche von ihnen wurden publiziert und sie sollten für die ökumenische Besinnung
wegweisend werden, etwa die Texte über das Amtsverständnis, über Abendmahl und Abendmahlsgemeinschaft,
zu den Zielvorstellungen der Ökumene, zu Einheit und Vielfalt. Zahlreiche wissenschaftliche
Arbeiten sind in diesem Rahmen entstanden, in denen sich junge Theologen aus
aller Herren Länder in Lehre und Forschung qualifiziert haben, die heute in
allen Erdteilen lehren und das weitertragen, wozu sie in München einen Grund
legen konnten.
Diese gemeinsame Arbeit ging über die Gründerväter der ökumenischen Institute
hinaus weiter. Eine neue Qualität bekam diese Arbeit durch die Gründung des
Instituts für orthodoxe Theologie an der Universität München. Damit waren an
der Münchener Universität die drei großen und die Christenheit prägenden Kirchen
und ihre Theologien versammelt. Das bot eine Chance für den ökumenisch-theologischen
Diskurs, wie sie jedenfalls im deutschen Sprachraum einmalig ist, und durch
die Einbindung der Theologie in die Universität darüber hinaus in Mitteleuropa
keine Parallele hat. Mit Prof. Theodor Nikolaou fand sich ein Vertreter der
Orthodoxie, der das Angebot zu einem solchen Dialog mit großer Bereitschaft
angenommen hat. Das Gespräch zwischen den christlichen Theologien hatte damit
eine tragfähige Basis. Das hat über die ökumenischen Institute und Lehrstühle
hinausgewirkt und zu einem vertrauensvollen Klima zwischen den Fakultäten als
ganzen geführt.
Im Rahmen dieses Prozesses haben nun die Fachbereichsräte der beteiligten Fakultäten
den Antrag auf die Errichtung eines "Zentrums für ökumenische Forschung"
gestellt und Rektorat und Senat der Universität haben diese Anregung positiv
aufgegriffen. Damit ist ein institutioneller Rahmen geschaffen, der die ökumenische
Arbeit weniger abhängig von Personen macht und sie auf Zukunft hin gewährleisten
kann.
Es handelt sich bei diesem Zentrum um eine Forschungseinrichtung. Die theologische
Ausbildung im Rahmen der Grundstudiengänge ist nach wie vor in der Verantwortung
der Fakultäten. Sie werden wie bisher eine ökumenische Ausbildung für Studierende
aller Studienrichtungen anbieten. Die konfessionsspezifische Prägung der Theologie
ist also in keiner Weise tangiert. Es werden auch keine bewährten ökumenischen
Strukturen aufgelöst: an der katholisch-theologischen Fakultät gibt es auch
weiterhin das Ökumenische Forschungsinstitut, an der evangelischen Fakultät
den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und Ökumene, in der Orthodoxen Theologie
den Lehrstuhls für geschichtliche Theologie und Ökumenik. In deren Kompetenzen
wird nicht eingegriffen. Vielmehr sind sie die Gründungsmitglieder und die Träger
dieses neu errichteten Zentrums.
Das Zentrum soll deren Zusammenarbeit fördern und einen institutionellen Rahmen
für sie bieten. Wichtige Aussagen macht die Satzung. Sie nennt als Ziele die
Zusammenarbeit in Projekten, die der theologischen Verständigung und der Überwindung
von kirchentrennenden Lehrdifferenzen dienen; die Durchführung von gemeinsamen
Projekten mit Wissenschaftlern, die einen Beitrag zur Annäherung der Kirchen
zu leisten vermögen; die Erforschung der theologischen und nicht-theologischen
Gründe, die zur gegenseitigen Verwerfung der christlichen Kirchen geführt haben
und deren Bedeutung für die Gegenwart; die Bereitstellung von Hilfen, gegebenenfalls
die Mitwirkung in kirchlichen Gremien, um deren ökumenische Ausrichtung zu fördern;
die Zusammenarbeit mit ökumenischen Einrichtungen, z.B. den Arbeitsgemeinschaften
Christlicher Kirchen in Deutschland und in Bayern und dem Ökumenischen Rat der
Kirchen; die Darstellung ökumenischer Belange in der Öffentlichkeit, z.B. in
evangelischen und katholischen Akademien; die Förderung der Zusammenarbeit der
theologischen Fakultäten und der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie
an der Universität München, sowie der ökumenischen Ausrichtung der Lehrangebote.
Das Hineinwirken in die kirchliche Öffentlichkeit ist also ein wichtiges Ziel.
Es gilt, Verstehen zu fördern, Gemeinsamkeiten zu entdecken, aber auch Fremdes
zu erkennen, es als Reichtum zu schätzen oder als Anderes zu tolerieren. Die
Bedeutung ökumenischer Werte für das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft
und Welt liegen auf der Hand, heute wohl mehr denn je.
Nicht zuletzt ist es Sinn des Zentrums, für die Durchführung wissenschaftlicher
Projekte Drittmittel einzuwerben, um vorwiegend jungen Wissenschaftlern die
Möglichkeit zu eröffnen, sich an der LMU in ökumenischen Fragen zu qualifizieren.
In Zeiten knapper werdender öffentlicher Mittel müssen diese Aufgaben auch im
Rahmen der Universität und der Forschung mitbedacht werden.
In diesem Zusammenhang ist es - so heben die Gründer des Zentrums hervor - eine
besondere Freude, dass auf Initiative von Dr. Adly B. Wahba eine Stiftung zu
Ehren des Heiligen Athanasius zur Förderung der Ökumene eingerichtet werden
soll; sie ist derzeit in der letzten Phase ihrer Gründung. Herr Dr. Wahba kommt
aus Ägypten, er ist Mitglied der Koptischen Kirche, und er hat zusammen mit
ökumenisch begeisterten Freunden diese Stiftung an der Münchener Universität
ins Leben gerufen. Sie soll allgemein, wie es in der Satzung heißt, Projekte
im Sinne des Zentrums für Ökumenische Forschung fördern und insbesondere für
junge Gelehrte aus den Ostkirchen die Möglichkeit eröffnen, sich an der Universität
München im theologischem Studium und in der Forschung weiter zu qualifizieren.
Die Stiftung ist so angelegt, dass jederzeit Zustiftungen möglich sind. Es wird
wohl noch etwas dauern, bis Kapitalerträge anfallen und für den Stiftungszweck
ausgeschüttet werden können. Zustiftungen können helfen, diesen Zeitraum abzukürzen
und entsprechende Projekte zu fördern. So wurde schon im vergangenen Sommersemester
in einem gemeinsamen Doktorandenseminar eine Stellungnahme zum lutherisch-katholischen
Dokument "Communio Sanctorum" erarbeitet. Diese Stellungnahme wurde
im Rahmen der Eröffnung präsentiert.
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