Russische Orthodoxe Kirche

Erfolge und Probleme
Zum Stand des Wiederaufbaus der Russischen Orthodoxen Kirche

von Nikolaus Thon

Turnusmässig findet Ende Dezember, diesmal am 23.12.1998, die Versammlung der Moskauer Eparchie statt, bei der deren eigentlicher Diözesanbischof, nämlich der russische Patriarch, einen ausführlichen Rechenschaftsbericht darlegt. Schon seit einiger Zeit zeichnen sich diese Berichte durch eine ebenso detaillierte wie kritische und offene Analyse der kirchlichen Situation in Russland aus - und werden von daher von den Medien als eine Art "Regierungserklärung" des Patriarchen ausführlich gewürdigt. Besonders geschah das in diesem Jahr, da der insgesamt 20 engbeschriebene Seiten umfassende Bericht erstmals durch einen entsprechenden Beschluss des Heiligen Synods, den dieser wenig später bei seiner Sitzung am 28./29. Dezember fasste, in vollem Wortlaut der Öffentlichkeit bekannt gemacht worden ist.

Zuerst referierte der Patriarch die derzeitige statistische Situation der gesamten Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Diese zählt zur Jahreswende 1998/99 insgesamt 127 Eparchien und hat 151 Diözesan- und Vikarbischöfe, davon 8 außerhalb des aktiven Dienstes. Die Zahl der Gemeinden ist auf über 19.000 angewachsen. Sie werden von ca. 19.700 Geistlichen (und zwar etwa 17.500 Priestern und rund 2.300 Diakonen) betreut. Allein in der russischen Hauptstadt gibt es inzwischen wieder 428 orthodoxe Kirchen und 39 Kapellen, von denen allerdings noch nicht alle wieder für den Gottesdienst hergerichtet sind. Doch wird schon in 352 Kirchen regelmäßig Gottesdienst gehalten, von denen jedoch noch 46 einer Restaurierung bedürfen. 33 Gotteshäuser sind zwar schon offiziell der Kirche zurückerstattet, aber von ihren derzeitigen Besitzern noch nicht geräumt worden. 36 Kirchen und Kapellen sind noch im Bau. Ein Problem stellt dabei weiterhin die Verteilung der Gotteshäuser dar, denn gerade in den Neubauvierteln mit ihrer zahlreichen Bevölkerung mangelt es weiter an genügend Kirchen: So gibt es beispielsweise im zentralen Bezirk Moskaus 178 Kirchen und Kapellen, in allen übrigen neun Bezirken aber nur zusammen 230. Hier wirkt sich aus, dass diese Bezirke vor der kommunistischen Machtergreifung weitgehend unbesiedelt bzw. nur kleine Dörfer waren. Dass dann in den kommenden Jahrzehnten keine Kirchneubauten errichtet werden konnten, erklärt ihren jetzigen Mangel, während im Zentrum der alten Hauptstadt viele historische Gebäude vorhanden sind.

Auch die Verteilung der Geistlichen in der gesamten ROK ist noch nicht zufrieden stellend: In Moskau wirken insgesamt 745 Geistliche (539 Priester und 206 Diakone), also fast zwei pro Pfarrei, während in manchen Diözesen weiterhin extremer Priestermangel herrscht, der trotz der Intensivierung der Ausbildung nur langsam behoben werden kann. Doch auch die Zahl der geistlichen Lehranstalten der ROK ist noch einmal leicht angewachsen: So gibt es jetzt fünf Geistliche Akademien, 26 Seminare, 29 Geistliche Schulen und ein Theologisches Institut sowie zwei Orthodoxe Universitäten, ferner 13 Vorbereitende Pastoralkurse und zwei Geistliche Eparchialschulen für Frauen, ferner 28 Ikonenmalschulen. Ausserdem existieren mehrere Abteilungen und Kurse für Chorleiter bei den erwähnten Lehranstalten nebst einer Vielzahl von Kirchengemeindeschulen. Bei der Verklärungskirche des gleichnamigen Klosters in Moskau wurde im vergangenen Jahr ein Chorleiter-Sänger-Seminar eröffnet. Bei der erwähnten Sitzung am 29.12.1998 billigte der Heilige Synod die Errichtung eines Interdiözesanen Geistlichen Seminars in Smolensk, das erstmals in einem dreijährigen Kurs Chorleiter, Psalmensänger, Katecheten, Ikonenmaler und Schwestern der Barmherzigkeit eine intensive theologische Ausbildung vermitteln soll. Zur Rektorin des neuen Seminars wurde eine Nonne, Ioanna (Kadurova), ernannt.

Die bedeutendste Lehranstalt des Landes, vor allem zur Ausbildung von direkten pastoralen Mitarbeitern der ROK, ist weiterhin diejenige von Moskau im Dreieinigkeits-Kloster (Sergiev Posad), wo derzeit 163 Studenten und Studentinnen in der Akademie, 373 im Seminar, 122 in den Chorleiterkursen und 80 in der Ikonenmalschule unterrichtet werden. Immerhin 59 Personen absolvierten dort 1998 erfolgreich die Akademie, davon 26 im Fernstudium, und 181 das Seminar, davon 77 im Fernstudium. 10 Absolventen erlangten den Grad eines Kandidaten der Theologie (Diplom). Die Chorleiterklasse bei der Moskauer Akademie schlossen 36 Studenten erfolgreich ab und 20 die Ikonenmalschule.

Besonders hob der Patriarch in seinem Bericht die Tätigkeit des Hl.-Tichon-Institutes hervor, das inzwischen 10 regionale Filialen aufbauen konnte und in all seinen Fakultäten 1049 Studenten hat (255 in der theologisch-pastoralen Fakultät, 163 in der missions-katechetischen, 130 in der pädagogischen, 202 in der historisch-philologischen, 219 in der für kirchliche Kunst und 80 in der für Musik). 1998 absolvierten 115 Personen das Institut, von denen die meisten allerdings keine Weihen empfingen, sondern als Laien tätig sind und so einer geistlichen Neugestaltung der russischen Gesellschaft dienen. Lediglich fünf Absolventen des Hl.-Tichon-Institutes empfingen die Priester- und 3 die Diakonenweihe, das sich somit zum wichtigsten Zentrum einer kirchlichen Bildung für Nichtgeistliche und des Laienapostolates in Russland entwickelt hat.

Neben diesen höheren Lehranstalten gibt es in Moskau jetzt 22 orthodoxe Schulen mit mehr als 1.500 Schülern und Schülerinnen, wobei je vier von Gemeinden und von Privatpersonen und 14 von Bruderschaften unterhalten werden. In zahlreichen staatlichen Schulen wird darüber hinaus wieder Religionsunterricht erteilt, wozu eigene Kurse für Religionslehrer existieren und katechetisches Material vorbereitet wird, so eine Ausgabe des Lehrbuches "Die Heilige Geschichte in Erzählungen für Kinder" der in Frankreich lebenden exilrussischen Pädagogin Sophia Koulomzine.

Im Hinblick auf die Publikationstätigkeit der Kirche konnte der Patriarch berichten, dass die "Zeitschrift des Patriarchats" jetzt wieder regelmäßig erscheine; die Druckauflage betrage 6.000 Stück, allerdings sei die Zahl der Abonnenten auf 4.762 gesunken. Einzelne Diözesen bestellten einige Hundert Exemplare, andere ein Dutzend, andere nur ein Einzelnes. In Moskau selbst würden nur ganze 253 Exemplare abgesetzt. Daneben gibt es allerdings zahlreiche Diözesan- und andere kirchliche Zeitschriften und Zeitungen, allerdings auch solche rein weltlicher Verlage, die - nicht immer sehr korrekt - kirchliche Themenstellungen behandeln. Doch haben auch andere kirchliche Zeitungen mit zu geringen Abonnentenzahlen zu kämpfen: So werden vom "Moskauer Kirchenboten" 10.000 Exemplare gedruckt, doch nur 999 fest abonniert.

Die Zahl der Klöster ist beständig weitergewachsen und beläuft sich nun schon auf 478, wozu noch einmal 87 abhängige Aussenstellen (podvor'ja) zu rechnen sind. Davon befinden sich 299 auf dem Territorium der Russländischen Föderation, und zwar 151 Männer- und 148 Frauenklöster, ferner 74 Aussenstellen. Allein in Moskau selbst existieren vier Männer- und ebenso viele Frauenklöster. Ein weiteres Anwachsen der Klösterzahl steht zu erwarten; auch bei seiner erwähnten Sitzung am 29.12.1998 billigte der Synod wieder die Gründung eines Männer- und sechs Frauenklöster. Die übrigen Klöster sind in anderen Staaten gelegen, vor allem in der Ukraine, wo es insgesamt 111 Klöster gibt, davon 51 Männer- und 60 Frauenklöster sowie 9 Aussenstellen. In den übrigen Staaten der GUS, besonders in Moldawien, liegen weitere 58 Klöster (25 Männer- und 33 Frauenklöster, ferner 2 Aussenstellen). Auch in den baltischen Staaten gibt es einige orthodoxe Klöster, nämlich 2 Männer- und drei Frauenklöster und drei Skiten. Fünf Klöster (zwei Männer- und drei Frauenklöster) in der geistlichen Obhut des Moskauer Patriarchats befinden sich ausserhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion. Von allen Klöstern sind 24 als stauropegial direkt der Hirtensorge des Patriarchen unterstellt.

Eines der wichtigsten Krankenhäuser Moskaus ist inzwischen die vom Patriarchat betriebene Klinik des hl. Metropoliten Aleksij, die vor allem bedürftigen Patienten offen steht, so im letzten Jahr 4.145 Kranken in 205 Betten. Über neuntausend Patienten wurden ambulant behandelt. Unter dem 326 Personen umfassenden Personal finden sich auch einige hoch qualifizierte Spezialisten.

Auch darüber hinaus konnte der Patriarch eine lange Reihe positiver Beispiele für soziale und karitative Einrichtungen nennen, die von der Patriarchats- und Diözesanleitungen, von Gemeinden und Klöstern betrieben werden, so beispielsweise etwa ein Internat für arme Kinder in Medvedkovo bei Moskau, wo zurzeit 77 Kinder leben, oder die Einrichtung der Gesellschaft der hll. Kosmas und Damianos, die 616 Kinder mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems betreut, oder die Armenhilfe der Synodalabteilung für kirchliche Wohltätigkeit und Sozialdienst, die 1998 12,2 Tonnen Lebensmittel und 3.028 Kleidungseinheiten sowie 2.316 Paar Schuhe verteilen konnte.

Doch trotz all dieser positiven Entwicklungen warnte der Patriarch vor einem voreiligen Optimismus, denn es gebe "auch weiterhin negative Prozesse im Leben unserer Gesellschaft als Ganzer und im Besonderen im kirchlichen Milieu" und benannte "ethisch negative Prinzipien in der Gesellschaft", die "unwillkürlich ihren Einfluss ausüben und manchmal auch eine beträchtliche Zahl von Gläubigen erfassen", besonders solche, die erst ihren Weg zur Kirche fänden: "Besonders gefährlich sind jene oftmals verborgenen Abweichungen von der Moral, der Gerechtigkeit und Wahrheit", die sich unter einem Deckmantel verbergen, wie "Pseudoreligion, Pseudowissenschaft, Pseudokultur": "Wir sehen erfolgreiche pseudochristliche und totalitäre Sekten, Geheimwissenschaften, Astrologie, Okkultismus und Magie". Die Gläubigen müssten in einer Welt leben, in der "Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Betrug und Sittenlosigkeit" herrschen, sie seien damit wirklich "Soldaten Christi, die verpflichtet sind, mutig der Lüge und Bosheit zu widerstehen". Dabei gelte es "den Blick zu weiten" und in die Zukunft zu denken: "Wenn die Gemeinden nicht lernen, in gemeinsamen Programmen zusammenzuarbeiten, werden die kirchlichen Publikationen, Radiostationen, kirchlichen Fernsehsendungen schon materiell nicht überleben ... und die Möglichkeiten des Einflusses der Orthodoxie auf unser vielleidendes Volk stark beschränkt. Es ist eine Zeit gekommen, in der alle begreifen müssen, dass man die Mittel finden muss, um bei den Kirchen verschiedene Erziehungs- und Bildungseinrichtungen für Kinder aufzubauen, die kirchlichen Hospize und Wohltätigkeitseinrichtungen sowie Küchen für die Armen wieder beleben muss". Dies sei nicht allen Pfarreien aus eigener Kraft möglich, aber gerade dann bedürfe es der Zusammenarbeit.

Im weiteren kritisierte der Patriarch, dass sich ein gewisser Teil der Presse der Kirche gegenüber sehr feindlich verhalte, und nannte dabei namentlich den Radiosender "Sofia", der auch die "positiven Prozesse in unserer Kirche ... nur negativ beurteilt". Ein suspendierter Priester stelle sich dabei in diesem Kanal als Martyrer dar. Ähnlich negativ verhalte sich auch die in Paris edierte russischsprachige Zeitung "Russkaja Mysl'". Es gehe diesen Leuten darum, nach dem Prinzip "Teile und herrsche" die Vertrauensbasis zwischen Kirchenvolk und Hierarchie zu zerstören, wobei sie eine Umgestaltung der ROK nach dem Vorbild der Römisch-Katholischen Kirche anstrebten.

An positiven Entwicklungen hob der Patriarch sodann die Wiederbelebung der Predigt und der Pilgerfahrten sowie die große Zahl von orthodoxen Publikationen hervor, betonte aber zugleich, man dürfe sich nicht mit traditionellen Formen zufrieden geben: "Das heutige Leben erfordert neue Zugänge. ... Wir finden, wenn auch mit Mühe, die Mittel zur Restaurierung der Kirchen und zur Vergoldung der Ikonostasen, aber wir müssen jetzt auch solche für andere, nicht weniger wichtige Aspekte kirchlicher Tätigkeit finden". Als vordringliches Beispiel nannte hier Patriarch Aleksij die "geistliche Bildung der Jugend, die Vorbereitung neuer Hirten, Katecheten, Missionare, Sänger, Ikonenmaler", man müsse die Missionsjugendfahrten verstärken, die in den letzten Jahren von Priestern und Studenten in entfernte Gebiete unternommen worden seien, um dort zu predigen, zu unterrichten und zu taufen: "Bemerkenswert ist, dass bei der Ankunft einer orthodoxen Missionsgruppe die Tätigkeit der Sektierer sofort gelähmt wird - das Volk wählt immer die Orthodoxie". Allerdings habe er auch erfahren müssen, dass selbst Bischöfe ihre Zustimmung verweigerten, als Studenten ihrer geistlichen Schule eine solche Missionsreise organisieren wollten.

Ein weiterer Kritikpunkt des Patriarchen waren wiederum die selbst ernannten "Starzen", die u.a. die kirchliche Autorität in Frage stellten und sich anmaßten, über das Leben der Gläubigen zu bestimmen, dabei aber einen extremen Personenkult aufbauten: "Die Menschen gehen dann in die Kirche, um 'ihr Väterchen' zu treffen und nicht Christus". Diesen Punkt nahm auch der Heilige Synod bei seiner erwähnten Sitzung auf und sprach in ungewöhnlich ausführlicher Form vom "Missbrauch", den einige Geistliche mit ihrer Binde- und Lösegewalt trieben: "Wir berücksichtigen hier die Klagen von Laien über kanonisch nicht gerechtfertigte Handlungen einzelner Hirten und weisen die Priester darauf hin, dass sie ... kein Recht haben, die ihnen anvertrauten Gläubigen gegen ihren Willen zu folgenden Handlungen und Entscheidungen zu zwingen: Annahme des Mönchtums, Übernahme irgendeines kirchlichen Dienstes, Spenden, Eintritt in die Ehe, Scheidung oder Verweigerung des Eintritts in die Ehe (mit Ausnahme der Fälle, da es um kanonische Hindernisse geht), Verweigerung des ehelichen Lebens in der Ehe oder Verweigerung des Militärdienstes, Verweigerung der Teilnahme an Wahlen oder der Erfüllung anderer bürgerlicher Pflichten, Verweigerung der Annahme medizinischer Hilfe ... oder ein Wohnortwechsel". Diesen Missbräuchen gegenüber verweist der Synod auf die Pflicht der Geistlichen, "ihren Gläubigen mit Rat und Liebe zu helfen und dabei nicht die gottgegebene Freiheit jedes Christen zu verletzen". Dies gelte insbesondere für alle Fragen, die mit der Gattenwahl zusammenhängen. Hier habe sich der Geistliche nicht einzumischen, wenn er nicht besonders gefragt werde. Auch würden "die Geistlichen daran erinnert, dass sie eine besondere Zurückhaltung und eine pastorale Vorsicht bei der Beurteilung aller Fragen an den Tag legen müssen, die mit irgendeinem Aspekt des familiären Lebens zusammenhängen". Ja, die Bischöfe des Synods gehen sogar so weit, dass sie die Gläubigen auffordern, Fälle von Missbrauch der geistlichen Gewalt durch einzelne Priester den Bischöfen zu melden; auch dürfe der Ambon nicht "zur Predigt dieser oder jener politischen Ansichten gebraucht werden".

Auch der Patriarch sparte nicht an Kritik gegenüber dem Klerus: Einige Pfarrer isolierten ihre Gemeinden, sodass diese "mehr an die sektiererische Abgeschiedenheit schismatischer Gruppen" erinnerten. Andere wiederum interessierten sich vor allem für die materielle Seite ihres Tuns: "In einer Reihe von Kirchen sind die Preise für Kasualien, Kerzen und sonstige Dinge unerträglich hoch und für das einfache Volk unerschwinglich". Er habe sogar wieder Fälle von Erpressung von Seiten der Priester und Kirchensänger feststellen müssen, stellte der Patriarch fest: In diesen Fällen werde eine Suspendierung erfolgen. Für bedürftige Gläubige solle der Priester die Gottesdienste "gegen minimale Spenden oder auch ganz ohne Spenden" feiern.

Scharf griff der Patriarch jene Geistlichen an, die dem "Zeitgeist" folgend danach strebten, "ihren Lebensstil den Neureichen anzupassen" und selber reich zu werden: "Leider erliegt ein gewisser Teil unseres hauptstädtischen Klerus dem Einfluss des so genannten 'schönen' Lebensstils ... wie modischer Kleidung und einem Wettbewerb bei der Ausrichtung von festlichen Mählern, ... bei der Sucht nach ausländischen Autos und Mobiltelefonen: Und das, wo die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt!" Dies sei eine Form von "Neuheidentum", bei dem zudem "diese Lebensform des Klerus für die gewöhnlichen einfachen Gläubigen, in ihrer überwältigenden Mehrzahl arme Leute, zum Anstoß wird". Dies treibe etliche Gläubige zu den Sekten.

Jeder Pfarrer sei nach dem Kirchenrecht Haupt der Pfarrgemeinde; er müsse aber auch darauf sehen, "dass er dies auch faktisch ist, d.h. nicht ein Beamter, sondern ein Vater im vollen Sinne dieses Wortes, der seine Gemeinde liebt und in dessen Herzen immer ein Platz für alle ist. ... Die Kirche muss für einen Priester ein zweites Haus sein, nicht aber, wie dies manchmal vorkommt, eine Art Erbgut, wo man nicht mehr zwischen eigenem und Kircheneigentum unterscheiden muss". Spenden gehörten der Gemeinde, nicht automatisch dem Klerus oder dem Pfarrgemeinderat. Auch hier würden in Zukunft Verstösse mit den kanonischen Strafen und gegebenenfalls auch durch Anklageerhebung vor den Gerichten geahndet. Zu verurteilen sei auch, wenn "in den letzten Jahren einige Kleriker ihre Beziehungen zu reichen Geschäftsleuten oder Vertretern quasipolitischer Kreise" nutzten.

Stattdessen sollten sich die Geistlichen um die Intensivierung der sozialen Einrichtungen bekümmern. Ohnehin dürfe sich das Gemeindeleben nicht auf die Gottesdienste beschränken, sondern müsse auch soziale, katechetische und missionarische Aufgaben einschließen: "Jede Gemeinde sollte eine Kirchengemeindeschule und eine Bibliothek haben. Wenn die Sorge einiger Pfarrer nur dem äußeren Schmuck der Kirche gilt, so schadet das dem umfassenden liturgischen Leben der Gemeinde. Die Kirche und die Kirchengebäude zu restaurieren ist notwendig, aber die Gemeinde ist etwas anderes! Das ist die Fülle des Gemeindelebens, die Vereinigung im christlichen Geist der Liebe und Brüderlichkeit, die alle zu einem Ganzen werden lassen". Gerade von den wohlhabenderen Pfarreien müssten die kirchlichen Sozialwerke noch deutlicher unterstützt werden: "Niemand von uns hat heute das Recht, irgendwelche Entschuldigungen für seine Untätigkeit zu suchen!", meinte der Vorsteher der ROK.

Neben der Sozial- komme der Bildungstätigkeit eine herausragende Rolle zu, ferner der Seelsorge in den Streitkräften bzw. Gefängnissen. Erstere sei notwendig, damit "junge Männer orthodoxen Bekenntnisses die Möglichkeit haben, ihre militärische Pflicht gegenüber dem Vaterland zu erfüllen, ohne vom kirchlichen Leben getrennt zu sein". Es müsse aber klar sein, dass es keine "orthodoxen Regimenter" gebe: Die Kirche rufe die jungen Männer dazu auf, den gewöhnlichen Militärdienst zu leisten, "und nicht zum ganztägigen Gebet oder zum Kirchenbau, wie manche denken".

Ein weiterer wichtiger Punkt der Rede des Patriarchen waren Angriffe bestimmter Presseorgane, die der Kirchenleitung ein Abweichen von der orthodoxen Wahrheit vorwerfen. Hierzu meinte Patriarch Aleksij: "Wir haben nichts vor unseren Gläubigen oder unseren Freunden zu verbergen. Ja, es gibt bei uns Probleme und ungelöste Fragen bezüglich des Ökumenismus und der interkonfessionellen und interorthodoxen Beziehungen, über die kirchliche Disziplin und Glaubenslehre. Das ist unser Schmerz und unsere Mühsal, aber wir werden sie lösen. Und die Gläubigen müssen durch die kirchliche Presse damit bekannt gemacht werden und an der Lösung aller kirchlichen Fragen mitwirken. In der Orthodoxie gibt es kein 'Tabu' für die Mitwirkung der Laien bei der Lösung irgendwelcher kirchlichen Fragen. ... Man muss diese Fragen nur professionell und kompetent stellen!"

Keine Lösung sei es dabei, so meinte der Patriarch entschieden, einfach die Lösungen westlicher Kirchen zu kopieren: "Indem sie auf das Leben des Westens schauen, versuchen einige viele Aspekte dieses Lebens in unser Land zu übertragen, darunter auch solche des religiösen Lebens, das doch selbst viele Jahrhundert alte Traditionen und eine eigene Erfahrung hat, die sich im Leben vieler Heiliger bezeugt hat. Die Verpflichtung eines jeden Geistlichen ist es, diese nicht allein zu bewahren, wie sie unsere Väter und Vorväter bewahrt haben, sondern sie auch unversehrt an die kommenden Generationen weiterzugeben".

Abschließend rief der Patriarch im Hinblick auf das anstehende 2000-jährige Jubiläum des Christentums jeden einzelnen dazu auf, "mit dem Beispiel des eigenen Lebens von seinem Glauben Zeugnis abzulegen wie es die Christen in den ersten Jahrhunderten taten", denn "wenn wir in aller Fülle diese christliche Pflicht erfüllen, werden wir uns gegenüber der Welt als wirkliche Christen zeigen, und dann wird unser Volk sich wieder erheben und von sich das Joch der Sünde und des Unglaubens abstreifen, sich Christus zuwenden und dadurch sich erneuern und sein ganzes Leben reinigen!"


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